Wir sind im Grunde nur größenwahnsinnige Affen

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Um utopisch denken zu können und Vorstellungen über eine ideale Zukunft zu erschaffen, ist es unabdinglich, den Status Quo zu hinterfragen. Darum soll es in diesem Beitrag gehen. Ich möchte hinterfragen, wie wir zu unserem menschlichen Selbstbild gekommen sind, um in weiterer Folge Gedanken zu unseren Grundwerten, unseren Moralvorstellungen, sowie unserer Verantwortung der Umwelt und somit uns selbst gegenüber, anzuregen.

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sind alles andere als utopisch. Vom weitreichenden anthropogenen Eingriff in bestehende Ökosysteme, unserem Beitrag zur Ausrottung zahlreicher Spezies, vom übermäßigen Ausschöpfen der endlichen Ressourcen der Erde, über die Verschmutzung der Weltmeere und der Luft, könnte diese Liste nahezu unendlich lang sein.

In den letzten 50 Jahren haben wir durch unsere Konsum- und Handelsmuster, durch die Globalisierung und unserem immerwährenden Streben nach dem „Schneller und Besser“, massiv über die Stränge geschlagen. Seit 1970 übersteigt unser jährlicher Verbrauch die global zur Verfügung stehenden, natürlichen Ressourcen der Erde. Im Jahr 2019 fiel der sogenannte Earth-Overshoot-Day bzw. Welterschöpfungstag, welcher die menschliche Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen und die Kapazität der Erde zur Reproduktion der Ressourcen misst, auf den 29.07., dem frühesten Datum der Menschheitsgeschichte. Wir hätten somit 1,75 Erden benötigt, um unsere heutige Lebensweise zu rechtfertigen. In Österreich fand dieser Tag 2019 sogar bereits am 09.04. statt. Würden alle Menschen der Welt so leben, wie wir es in der Europäischen Union tun, bräuchten wir drei Erden pro Jahr. [1] Die Population der Wirbeltiere ist zwischen 1970 und 2016 um 68% zurückgegangen. Auch die Zahl der Insekten, welche die Bestäubung von Pflanzen, die Versorgung anderer Tiere mit Nahrung, sowie das Regulieren von Schädlingen übernehmen, ist von diesem Rückgang betroffen. Seit Beginn der industriellen Revolution sind mehr als 85% der Feuchtgebiete trockengelegt worden bzw. ausgetrocknet. Die menschlichen Eingriffe sind gravierend, Lebensräume wurden in landwirtschaftliche Flächen, Siedlungen und Verkehrswege umgewandelt. Tropenwälder, die 50% der biologischen Vielfalt beheimaten, machen heute nur noch 7% der Flächen unserer Erde aus. [2] Die Folgen der Überhitzung der Erde werden uns in den kommenden Jahrzehnten einholen. Die aktuellen Entwicklungen gefährden uns in einem Ausmaß, welches für uns kaum vorstellbar ist. 

Die Gründe für diese Entwicklungen sind sehr vielfältig. Beispielsweise unsere intensive Landwirtschaft, der Einsatz von nicht umweltverträglichen Pestiziden, die Art und Weise unserer Landnutzung, sowie unser Ernährungssystem, welches auf Massentierhaltung beruht und Lebensmittelverschwendung begünstigt, sind mögliche Erklärungen dafür. [3] Mit einem gesteigerten Bruttoinlandsprodukt steigt erwiesenermaßen der CO2-Ausstoß pro Kopf. [4] Weiters könnte unser generelles Streben nach unendlichem Wachstum, gepaart mit Habgier und Materialismus, eine weitere Begründung für diese Trends darstellen. Unsere Lebensweise hat sich mit dem steigenden Wohlstand und den Fortschritten in der Medizin und Technologie zu dem entwickelt, was es heute ist. Es wird immer ersichtlicher, dass diese auf Hedonismus und immerwährenden Wachstum basierenden Konstrukte, welche wir uns selbst geschaffen haben, nicht zielführend sein können. Wir leben – jedenfalls im globalen Westen – im Überfluss, haben eine immense Lebensqualität und leben im Wohlstand.

Die Artenvielfalt und das Funktionieren unseres Ökosystems ist jedoch von großer Wichtigkeit, schließlich ist sie die Grundvoraussetzung für die Sicherstellung unserer Nahrungsmittelproduktion, für eine adäquate Wasserqualität, für die Regulierung unseres Klimas, sowie für die Gewinnung von Medikamenten. Nicht zuletzt ist die Natur auch auf nicht-materieller Ebene von besonderer Bedeutung für uns, sie dient als Inspirationsquelle für die Forschung und trägt zur physischen und psychischen Erholung bei. Sie hilft bei der Gestaltung unserer Identitäten und spielt eine zentrale Rolle für unsere Lebensqualität.

Wir sind im Grunde nur größenwahnsinnige Affen

Einer der kaum diskutierten Annahmen ist unsere selbsternannte Sonderstellung im Ökosystem. Evolutionär bedingte Zufälle und Mutationen haben dazu geführt, dass wir in unserer heutigen Form existieren können. Der Gebrauch von Werkzeugen, die Ausbildung der gesprochenen Sprache und damit einhergehend die Möglichkeit, uns untereinander zu organisieren, um zu jagen und uns verteidigen zu können, sowie unsere kulturellen Entwicklungen, sind im Vergleich zu anderen Lebewesen einzigartig fortgeschritten und komplex. Wir Menschen können darüber nachdenken, was wir sind und uns selbst Fähigkeiten zuschreiben. Sofern wir aktuell wissen, kann das keine andere Spezies.

Bereits in der antiken Philosophie wurde der Mensch als sonderbares Wesen definiert, dem spezielle Rechte eingeräumt wurden. Der Mensch wurde als das Maß aller Dinge gesehen. Schon Aristoteles bezeichnete uns, den Homo Sapiens, als Krone der Schöpfung, hob uns somit auf ein Podest und sonderte uns gedanklich von der Tierwelt ab. Das Ziel war es, die Natur zu ordnen und ein System von belebter und unbelebter Natur zu erschaffen. Somit waren wir der Tierwelt überlegen und hatten eine spezielle Stellung in der Umwelt. Im Alten Testament wird der Mensch sogar als „Schlusspunkt der Schöpfung“ bezeichnet und soll sich „die Erde untertan machen und über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht, herrschen“. [5] Viele evolutionäre Stammbäume des 18. und 19. Jahrhunderts hatten die biblische Schöpfungsgeschichte als Basis. An diesem Weltbild haben wir lange festgehalten und uns somit viele Vorteile verschafft.

Groß war die gesellschaftliche Empörung, als begonnen wurde, an diesem Selbstbild zu rütteln. Mit der kopernikanischen Wende waren wir plötzlich nicht mehr das Zentrum des Universums und fingen an, die Welt mithilfe der Physik zu erklären. Trotzdem hielten wir noch daran fest, göttlich geschaffene Geschöpfe zu sein. Der britische Naturforscher Charles Darwin negierte Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich, mithilfe der Evolutionstheorie, die biblische Erschaffung des Menschen. Er erkannte, dass Menschen und Tiere einen gemeinsamen Vorfahren haben und sprach von natürlicher Selektion und dem Überleben des Passendsten (survival of the fittest). Seine Thesen wurden nicht nur von Biologen kritisiert, sondern lösten weitreichende Reaktionen in der Theologie, Philosophie und in der Politik aus. [6]

Das Selbstverständnis der Menschen war erschüttert. Später wurden die kopernikanische Wende und die Evolutionstheorie, gemeinsam mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud, als die drei großen Kränkungen der Eigenliebe der Menschheit bezeichnet.

Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat, als das wahnwitzige Tier, als das lachende Tier, als das weinende Tier, als das unglückselige Tier.
Friedrich Nietzsche [7]

Wir Menschen sind biologisch gesehen genauso Tiere, wie alle anderen Tiere auch. Wir können uns als Homo Sapiens zwar von anderen Gattungen unterscheiden, gehören jedoch genauso wie Lemuren zu den Primaten, wie Pferde zu den Säugetieren, wie Fische zu den Wirbeltieren und wie die Birke zu Mehrzellern. Auch einige Eigenschaften und Errungenschaften, die wir als menschlich einordnen, sind in der Tierwelt beobachtet worden. Beispiele hierfür sind Delfine, die dazu in der Lage sind, sich gegenseitig individuelle Namen zu geben [8]; Ameisen, die sich Blattläuse als Nutztiere halten und diese vor natürlichen Feinden beschützen [9] oder aber auch Schimpansen, die bereits seit Jahrtausenden Werkzeuge herstellen und einsetzen, sowie die menschliche Zeichensprache lernen und mit uns kommunizieren können. [10, 11]

Jedoch hat kein Tier die Erde bisher derart ausgebeutet, wie wir es tun. Unsere selbsternannte Sonderstellung hat es uns ethisch und moralisch möglich gemacht, unachtsam mit der Tier- und Pflanzenwelt umzugehen, die Kapazitätsgrenzen unseres Planeten zu ignorieren und die fatalen Folgen, die uns seit einigen Jahren von Wissenschaftler*innen vorausgesagt werden, zu ignorieren.

Die dringende Frage ist, wie wir weiterleben wollen. 

Wir sind grundsätzlich lernfähige und anpassungsfähige Wesen. Es liegt an uns, ethisch und moralisch richtige Entscheidungen zu treffen und somit unsere weitere Existenz zu sichern. Wir müssen, auf Basis der wissenschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, Grundsatzdiskussionen führen, um uns unserer Werte und gemeinsamen (globalen) Ziele bewusst zu werden. Das Interesse der Tiere und der Schutz unseres Ökosystems muss in ethischen Debatten an erster Stelle stehen, zumal das Nichtbeachten der natürlichen Grenzen auf unsere eigene Gesundheit zurückfällt. 

Um utopisch denken zu können, müssen wir alles hinterfragen. Nur so können wir die selbst auferlegten Grenzen überwinden und neue Wege einschlagen.

Abschließen möchte ich mit Fragen, die im Zuge der Erstellung dieses Textes aufgekommen sind und hoffe, dass sie zum weiteren Nachdenken anregen.

– Ist unsere Sonderstellung im Ökosystem gerechtfertigt und noch zeitgemäß?
– Können bzw. dürfen wir uns getrennt von der Tier- und Umwelt wahrnehmen?
– Haben wir durch unsere fortgeschrittenen kognitiven Fähigkeiten moralische Verpflichtungen gegenüber unserer Umwelt?
– Wie können wir Anreize schaffen, um in allen menschlichen Tätigkeiten die Umweltverträglichkeit zu gewährleisten?
– Sind Hedonismus, Egoismus, Materialismus, Habgier etc. angeborene oder kulturell begünstigte Bestrebungen. Können wir diese Muster überhaupt ablegen?

Nachtrag:
Wiener Vorlesungen: „Macht euch die Erde untertan“ von Philosoph und Historiker Philipp Blom
https://www.facebook.com/WienerVorlesung/videos/488234002578434/

Quellen

[1] Past Earth Overshoot Days. Online: https://www.overshootday.org/newsroom/past-earth-overshoot-days/, zuletzt aufgerufen am 01.02.2021.

[2] WWF Living planet report 2020, S 12-13. Online: https://f.hubspotusercontent20.net/hubfs/4783129/LPR/PDFs/ENGLISH-FULL.pdf, zuletzt aufgerufen am 01.02.2021.

[3] WWF Living planet report 2020, S 20. Online: https://f.hubspotusercontent20.net/hubfs/4783129/LPR/PDFs/ENGLISH-FULL.pdf, zuletzt aufgerufen am 01.02.2021.

[4] Relative change in main global economic and environmental indicators from 1970 to 2017. Online: https://ourworldindata.org/grapher/co2-emissions-vs-gdp?tab=chart&country=&region=World, zuletzt aufgerufen am 08.02.2021.

[5] Online: https://www.bibleserver.com/LUT/1.Mose1, zuletzt aufgerufen am 08.02.2021

[6] Eve-Marie Engels: Charles Darwin. C.H. Beck, München 2007, S. 208.

[7] Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Frankfurt 1982, 163.

[8] Delfine erkennen sich am Namen. Online: https://www.delphinschutz.org/delfine/kommunikation/delfine-erkennen-sich-namen/, zuletzt aufgerufen am 05.02.2021.

[9] Honigtau – Lieblingsnahrung von Ameisen und anderen Insekten. Online: https://www.iva.de/iva-magazin/umwelt-verbraucher/honigtau-lieblingsnahrung-von-ameisen-und-anderen-insekten#:~:text=Ameisen%20zeigen%20sich%20dankbar%20f%C3%BCr,scheiden%20den%20%C3%BCbersch%C3%BCssigen%20Zucker%20aus, zuletzt aufgerufen am 05.02.2021.

[10] Versierte Werkzeugmacher. Online: https://www.schimpansen.mpg.de/19444/Werkzeuge, zuletzt aufgerufen am 05.02.2021.

[11] Was Tiere denken. Online: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/intelligenz-was-tiere-denken-a-539549.html, zuletzt abgerufen am 05.02.2021.

Beitrag von Mina

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