Was wäre wenn…?

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Was wäre wenn…? Eine Frage, die sich bestimmt jede*r von uns schon einmal gestellt hat. Vielleicht auch schon zu oft. Was wäre, wenn ich mehr Sport machen würde? Was wäre, wenn ich jetzt produktiv wäre, anstatt die 5. Folge hintereinander auf Netflix zu schauen? Was wäre, wenn ich mehr gelernt hätte? Was wäre, wenn ich einfach den Mund gehalten hätte? Hätte-Hätte-Fahrradkette.

Die Frage wird auch immer wieder in einem Podcast gestellt, auf den ich während der Recherche über Utopien und Dystopien im Zuge des UTO.WIEN gestoßen bin (sh. Link unten). Nur eben auf einer ganz anderen Dimension. Da geht es nicht um persönlichen Banalitäten, wegen denen man den Satz im Alltag immer wieder dramatisch um sich wirft, sondern um echte gesellschaftliche Probleme. Klimawandel, Verkehrswende, Demokratie, Bildung, Feminismus… ich denke die Aufzählung kann jede*r für sich selbst vervollständigen, weil wir die Baustellen der Welt leider alle zu gut kennen. 

„Was wäre, wenn…?“

Die Macher*innen des Podcasts spielen dabei Gedankenexperimente durch. Die Produkte, die daraus entstehen, nenne sie „realistische Utopien“. Ob alles, was sie besprechen „realistisch“ ist und wo genau eigentlich die Grenze zwischen Realismus und Fantasie gezogen werden muss, ist eine Frage, die wahrscheinlich nicht objektiv und genügend beantwortet werden kann. Und dabei wurde noch nicht einmal die Frage dazu aufgeworfen, ob Realismus und Utopie nicht eigentlich sich ausschließende Phänomene sind. Darüber haben wir auch im UTO.TEAM lang und breit diskutiert und sind zu einer Vielzahl von Meinungen und Lösungsansätzen gekommen. Daher stelle ich es wohl einfach frei, dass jede*r sich ihr/sein eigenes Bild macht… 

Was wäre, wenn der ÖPNV gratis ist?

Um das Ganze in einen Kontext setzen zu können, umreiße ich einmal kurz eine dieser „realistischen Utopien“ – in diesem Fall eine zur Verkehrswende. Jede*r, vor allem Raumplaner*innen, haben schon von E-Autos, Carsharing und diversen anderen Anti-MIV-Ideen gehört. Das utopische Grundkonzept des Was wäre wenn-Teams war es nach Vorbild der Stadt Tallin den ÖPNV kostenlos anzubieten. Wobei „kostenlos“ natürlich immer von der Perspektive abhängig ist, man also eher von einer Verlagerung der Kosten sprechen müsste. Aber gut, der Einfachheit halber und zu Gunsten der Lesbarkeit kann man durchaus „kostenlos“ dazu sagen. 

„Utopien dürfen Ärmere nicht benachteiligen“

Hier kann man auch gleich sehen, dass durch das Scheitern einer Utopie eine Dystopie entstehen kann. Denn die Angst bei diesem Ansatz ist, dass das Angebot vermehrt von Personen ohne große Kaufkraft genutzt wird und eine soziale Segregation entstehen könnte. Eine Zweiklassengesellschaft – jene, die sich den MIV leisten können und jene, die auf den ÖPNV zurückgreifen „müssen“. In Singapur, wo das hohe MIV-Aufkommen durch horrende Zulassungskosten bekämpft wird, können solche Problemansätze bereits erkannt werden. Und wie autoritär darf grüne Politik dann sein? 

„Utopien-Visionen sind wichtig, um zu sehen, welche politische Versprechen gerade nicht eingehalten werden“

Vielleicht müsste für das erfolgreiche Umsetzen dieser Utopie eher die Bedürfnisse der Menschen beachtet werden – Essen, Trinken und Schlafen in der U-Bahn, aber ohne andere dabei zu stören. Für unterschiedliche Wünsche und Perspektiven müsste es unterschiedliche Services geben. Aber verlässt man durch das Weiterspinnen dieser Ideenstränge nicht wieder das Terrain der „realistischen Utopien“? Hierbei müssten wir wieder zurück zu der Frage zu Beginn kommen – wo liegt die Grenze zwischen Realismus und Fantasie? 

Die Verkehrswende

Aber was wäre, wenn wir diese nicht klar zu beantwortende Frage einfach einmal übergehen und auf den Grundgedanken zurückkommen. Durch die einfache Frage „Was wäre, wenn…?“ erstellen wir jeden Tag hypothetische Paralleluniversen, (un-)realistische Hirngespinste und zukunftsweisende Ideen. Denn im Prinzip ist genau diese Frage der erste Schritt zum Entwerfen jeder einzelnen Utopie gewesen. Schon Ebenezer Howard wird sich im 19. Jahrhundert beim Konzipieren der Gartenstadt gefragt haben: Was wäre, wenn…? Unendlich viele kluge Köpfe haben mit diesem Satz den ersten Schritt zu einer bahnbrechenden Idee gemacht. Einige von diesen Ideen waren Utopien, einige davon sind es immer noch. 

Also: Was wäre wenn…? Eine Frage, die sich bestimmt jede*r von uns schon einmal gestellt hat. Vielleicht doch noch nicht oft genug. Vielleicht noch nicht im richtigen Zeitpunkt. Vielleicht könnten wir, wenn wir uns die Zeit nehmen würden, uns diese Frage über die richtigen Dinge zu stellen, eine eigene Utopie erdenken. Und vielleicht ist die Grenze zwischen Realismus und Fantasie dabei gar nicht so streng, wie manche von uns zu glauben.

Bildquelle 1: https://detektor.fm/serien/was-waere-wenn
Bildquelle 2: Abgefahren. Die infografische Novelle zur Verkehrswende von Agora Verkehrswende und Ellery Studio

Beitrag von Tanja

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