ski – as long as you can

  • Post category:Essay
  • Post comments:1 Comment

Ischgl – Saufen, bis man vergisst, dass man eigentlich noch den letzten Steilhang hinunterfahren muss. Spätestens seit März 2020 kennt diesen, von Touristen überlaufenen Ort auch außerhalb von Österreich fast jede*r. Der Werbeslogan „Relax. If you can“ trifft‘s eigentlich ganz gut.

Abb.1: Alkohol und Schnee sind in Ischgl durchaus beliebt. Quelle: wienerzeitung.at

Doch dieser Text soll nicht dazu dienen, die Versäumnisse in Tirol aufzubereiten, welche zu einem Superspreader-Event führten. Die fehlende Einsicht der Verantwortlichen hat die Aufmerksamkeit der breiten Bevölkerung auf ein allgegenwärtiges Thema gelenkt. Riesige Skigebiete ziehen massenhaft Menschen an. Um diesen ein unvergessliches Skierlebnis bieten zu können, bedarf es immer mehr Pistenkilometer. Allein in Tirol sind es 3.400. Während die Dystopie des Klimawandels vor unseren Augen langsam aber sicher zur Realität wird, geben sich Touristenströme in Skigebieten die Kante, um das Schmelzen der Gletscher und dessen fatalen Folgen bewusst zu ignorieren oder zu vergessen.

Jedoch wäre es fehl am Platz, dieses Thema so einseitig zu betrachten. Derzeit finden zwei parallele Entwicklungen im Wintersport statt. Einerseits gibt es Bestrebungen großer Skigebiete Zusammenlegungen durchzuführen, um mit einem noch höheren Wert an Pistenkilometern werben zu können. Andererseits sind immer mehr Menschen im Alpenraum motiviert, die Liftanlagen hinter sich zu lassen und mit eigener Muskelkraft die Gipfel zu erreichen. Die zweite Entwicklung – das Skitourengehen – wurde mitunter durch die verspätete, Covid-bedingte Öffnung des Liftbetriebs verstärkt.

Abb. 2: Auch im Winter müssen die letzten Höhenmeter zum Gipfel oft zu Fuß bestritten werden. Quelle: eigene Aufnahme

Klimaschutz? Nein danke!

Eine große Diskussion fand in den letzten Jahren um die Verbindung der beiden Skigebiete Pitztal/Ötztal statt. Dabei sollte laut einer gemeinsamen Stellungnahme des deutschen und österreichischen Alpenvereins 64 Hektar neue Pistenfläche entstehen, wovon sich 95% auf einem Gletscher befinden würden. Leider bekam dieses Thema viel zu wenig mediale Aufmerksamkeit. Während immer wieder Bilder vom brennenden Amazonas Regenwald gezeigt werden, können die Probleme vor der eigenen Haustüre leichter unter den Teppich gekehrt werden.

Aber wenn das Wort Klimaschutz schon so präsent ist, muss man sich dann eigentlich schlecht fühlen, wenn man – zumindest die bestehenden – Pisten benützt und seiner Leidenschaft nachgeht? Ihr wisst ja, ökologischer Fußabdruck und so. Sollten nicht die Skigebiete dafür sorgen, dass zumindest die öffentliche Anbindung garantiert ist? Es gibt ja bereits Skibusse und Ähnliches, aber das ist bei weitem nicht genug. Das zeigen vor allem die riesigen versiegelten Parkflächen vor den Talstationen. Eigentlich müssten sich doch gerade die Skigebiete am meisten für Klimaschutz engagieren, um ihre Lebensgrundlage zu erhalten, ansonsten muss sich Österreich in Zukunft hauptsächlich auf den Sommertourismus stützen. Düstere Aussichten.

Fest steht jedenfalls, man kann das Skifahren nicht verbieten. Es gehört zu Österreich, wie die Butter aufs Brot. Aber wie und wo soll in Zukunft skigefahren werden? Sind Skigebiete nicht auch irgendwie mit Städten vergleichbar? Die Nutzungen werden verdichtet, die Menschenmassen gebündelt und alles rundherum bleibt (bestenfalls) geschützt. Da wäre es doch zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, Erweiterungen zu verbieten und mehr Geld in die Modernisierung der Anlagen und die öffentliche Anbindung zu stecken.

Abb. 3: Verspurtes Gelände in der Nähe eines Skigebiets. Quelle: eigene Aufnahme

Powder für Alle?

Ein besseres öffentliches Verkehrsnetz in den Bergen würde dann auch den Tourengeher*innen zugutekommen, denn auch wenn sie nicht auf Lifte, künstliche Beschneiung oder Pistenraupen angewiesen sind, kommen sie meistens mit dem Auto. Und Skigebiete sind in vielen Fällen eine gute Ausgangsposition für die umliegenden Gipfel. In den letzten Jahren steigt das Interesse an der Sportart konstant. Im Zuge der Pandemie soll es im Winter 2020 sogar erneut eine Steigerung um 20% geben. Dabei stellt sich die Frage, wie sich die vielen Neulinge so schnell das im Backcountry benötigte Wissen aneignen können. Es braucht zumindest ein gefestigtes Grundwissen und ein Beurteilungsvermögen der alpinen Gefahren. Zusätzlich werden die zuvor in die Skigebiete gelenkten Massen auf die Natur- und Kulturlandschaften verteilt. Das erinnert doch sehr stark an Zersiedelung.

Abb. 4: Ein Schneeprofil sollte zumindest jede/r verantwortungsvolle Freerider*in schon gesehen haben. Quelle: eigene Aufnahme

Soll man alle einfach machen lassen und das Risiko eingehen, dass durch Unwissenheit mehr Lawinen ausgelöst, Wildtierkorridore ignoriert und andere Sportler*innen in Gefahr gebracht werden? Oder wäre es angebracht, eine Art Berechtigungsprüfung einzuführen, um Sportarten in der Natur ohne Bergführer*in durchführen zu können? Von dahingehenden Gedanken sind wir zwar noch weit entfernt, sie sind aber trotzdem notwendig, um zumindest auf das Problem aufmerksam zu machen! Die Streitfrage, für wen und inwieweit die Natur zugänglich ist, kann nur schwer pauschal beantwortet werden. Meine Utopie ist, dass eindrucksvolle Naturlandschaften für jeden nutzbar sind bzw. bleiben. Wir dürfen nicht die letzte Generation sein, die die Möglichkeit hat, Wintersport auszuüben. Das ist nur möglich, indem man das allgemeine Bewusstsein für den immensen Wert der Natur stärkt. Und wenn es mit ökonomischen Argumenten geschehen muss, bis es der oder die Letzte verstanden hat. Wenn das passiert ist, bin ich sicher, dass auch meine zukünftigen Enkelkinder noch die Chance haben, “weiße Weihnachten” zu erleben und in den Feiertagen danach noch ein paar Hänge abzufahren.

PS: Es gibt eine Petition gegen das Mega-Projekt Pitztal/Ötztal. Wer noch nicht unterzeichnet hat, kann es gerne nachholen: Nein zur Gletscherverbauung Pitztal-Ötztal! | mein #aufstehn

PSS: Für alle, die sich mit dem Thema Berge und Klimaschutz weiter auseinandersetzen wollen, die Initiative Protect Our Winters | Schütze Was Du Liebst setzt sich dafür ein!

Abb. 5: Bei diesem Anblick sind alle Probleme vergessen! Quelle: eigene Aufnahme

Inspiration:

Österreichischer Alpenverein: Österreichischer Alpenverein – Portal

Deutscher Alpenverein: Deutscher Alpenverein (DAV)

Land Tirol: Alle Skigebiete in Tirol | Tirol in Österreich

Der Standard: Warum der Skitouren-Boom nicht ganz unproblematisch ist – Reisen aktuell – derStandard.at › Lifestyle

Beitrag von Flo

This Post Has One Comment

  1. Kandi

    Klimawandel betrifft auch andere Wintersportarten wie Eishhockey. Während das Spielen auf Natureis für mich früher dazugehört hat, ist es heutzutage leider sehr schwer ausreichend zugefrorene Teiche zu finden. Die Organisation Save Pondhockey (https://savepondhockey.org/) kämpft für den Erhalt des Sports auf Natureisflächen.

Schreibe einen Kommentar zu Kandi Antworten abbrechen