Utopie von heute, Realität von morgen

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In der heutigen Alltagssprache bedeutet „utopisch“ meist unmöglich. Eine Utopie ist ein reines Gedankenexperiment, dessen Verwirklichung a priori außerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Paradoxerweise hatte Thomas Morus, als er 1516 in seinem Roman „Utopia“ den Begriff prägte eher die Intention, den Bereich des Möglichen zu erweitern. In einer von sozialer Ungleichheit geprägten Zeit traute er sich, eine neue Gesellschaftsform zu entwerfen. Eine Welt, die von Gleichberechtigung und Zufriedenheit bestimmt wird – die Insel Utopia. Er beschrieb eine Gesellschaft, die gerechter und humaner, offener und liberaler, alles in allem eine Verbesserung des Zustands der Zeit, war und schuf damit das utopische Denken. Dabei resultierte die Übersetzung des Wortes Utopia als „Nicht-Ort“ zunächst in der Auffassung, bei Utopien handle es sich um Wunschträume. Und ja, Utopien zeigen Wünsche und Träume auf, formulieren Alternativen zum Status Quo, sie motivieren uns, in eine neue – bessere – Zukunft zu blicken. Die Utopie bedient sich der Fiktion, eine ideale Gesellschaft zu beschreiben. Somit haben Utopien nicht den Anspruch, exakt umgesetzt zu werden. Aber: imaginär oder fiktiv bedeutet nicht immer unmöglich. Nicht jeder Traum ist ein Wunschtraum. Und so können Utopien doch eine Idee, ein Aufruf zum Gestalten der Zukunft sein. Und schließlich beruhen die allermeisten gesellschaftlichen Innovationen auf Utopien, die vor allem in einem Zustand der Unzufriedenheit entstehen. Ist die Verwirklichung von Utopien also doch nicht so unmöglich, wie zunächst angenommen?

„Die Utopie ist die Realität von morgen.“ „Nichts trägt im gleichen Maße wie ein Traum dazu bei, die Zukunft zu gestalten. Heute Utopie, morgen Fleisch und Blut.“ Diese Zitate von Victor Hugo (1802- 1885) machen deutlich, dass die übliche Gleichung (Utopie = nicht realisierbare Wunschvorstellung) nicht aufgeht. Vielmehr steht dahinter der Gedanke, den aktuellen Status Quo zu verändern. Sich auf eine positive Weise von unserem erlebten Normalzustand abzusetzen. Utopisch denken heißt, mutig in die Zukunft zu blicken. Und wann, wenn nicht in Zeiten der Klimakrise, einer weltweiten Pandemie oder dem vermehrt spürbaren Rechtsruck in der Politik, will die Zukunft mehr gestaltet werden als heute? Welche Utopien werden genau jetzt benötigt?

Eines der Themen in „Utopia“ ist der Sechsstundentag. 500 Jahre später veröffentlichte Rutger Bregman das Buch „Utopien für Realisten“ (2014), in dem er die 15-Stunden-Woche als Antwort auf die aktuellen Digitalisierungstrends aufzeigt und argumentiert, warum ein bedingungsloses Grundeinkommen eine echte Alternative darstellen kann. «Das wahre Problem unserer Zeit ist nicht, dass es uns nicht gut ginge oder dass es uns in Zukunft schlechter gehen könnte. Das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können.» So argumentiert Bregman, dass das Unmögliche gedacht werden muss, um Lösungen für die großen gegenwärtigen Fragen zu finden. Die Arbeitszeit betreffend war Morus seiner Generation also bereits ein halbes Jahrtausend voraus, gleichzeitig ist das Thema heute aktuell wie nie. Die sich ändernde Arbeitseinstellung und die zunehmende Verknüpfung von Arbeit und Freizeit führen dazu, dass neue Arbeitszeitmodelle immer wieder diskutiert werden. Doch auch andere Themen betreffend fällt auf, wie weit Morus in die Zukunft geblickt hat. Demokratie und Gewaltenteilung, der Wohlfahrtsstaat, kulturelle und religiöse Freiheit und Toleranz, die Gleichstellung von Frauen und Männern und das Scheidungsrecht. All das sind Ideen, die er in seinem Roman thematisiert hat und die – oft hunderte Jahre später – tatsächlich umgesetzt wurden. Zwar wurden nicht alle seiner Ideen bis heute realisiert. Morus beschrieb, wie der Sechsstundentag für alle Menschen und das gleichzeitige faire Teilen des Erwirtschafteten dazu führen könne, dass alle ein gutes Einkommen hätten. Durch das Unterlassen der Produktion von Wegwerfware könne insgesamt Arbeitszeit eingespart und andernorts produktiver genutzt werden. Und doch legte er durch seine Ideen zur Beteiligung der Bürger*innen in Entscheidungsprozesse einen wichtigen Grundstein für die Demokratisierung in Europa. Er beschrieb diese „utopische“ Gesellschaftsform als eine, in der gemeinschaftliches Zusammenleben, Gemeinwohl und persönliche Freiheit keine losen Floskeln sind. Und die Diskussionen zur Arbeitszeit sind mit Sicherheit noch nicht vorbei.

Was uns die Geschichte gelehrt hat ist, dass Utopien auch schnell in Dystopien enden können. Sogenannte „totalitäre Utopien“, die einen strikten Plan verfolgen, wie etwa damals in der Zeit des Faschismus und Kommunismus, unterscheiden sich maßgeblich von den „demokratischen Utopien“, die Thomas Morus schuf. Weder in der Umsetzung seiner Ideen noch in den Ideen selbst ist ein Zwang zu erkennen. Was uns Thomas Morus gelehrt hat ist, dass es manchmal Zeit braucht, um neue Ideen gesellschaftsfähig zu machen. Doch haben wir diese Zeit noch? Brauchen wir nicht jetzt Antworten auf die brennenden Fragen unserer Zeit?

Und genau deshalb brauchen wir heute noch Utopien. Weil diese uns helfen, unseren aktuellen Normalzustand kritisch zu hinterfragen und mutige Lösungsansätze zu finden. Sie helfen uns, neue Möglichkeiten zu definieren, Grenzen aufzubrechen und in einen Diskurs zu kommen. Vor allem aber erlauben sie es uns, von einer besseren Zukunft zu träumen. Uns auszumalen, was wäre, wenn…
Schließlich sind Utopien oft nur verfrühte Wahrheiten (Alphonse de Lamartine). Sie könnten morgen schon Realität sein. Warum also nicht versuchen, eine Gesellschaft zu formen, in der es uns allen gut geht?

Klingt utopisch? Wunderbar.

Inspiration: https://utopia.forbes.at/artikel/utopie-mit-zukunftsaussichten.html

Beitrag von Lena

This Post Has One Comment

  1. Viktoria Gabriel

    Danke für deinen spannenden Kommentar! Regt jedenfalls zum Nachdenken an 😉

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